| Predigt zum Nachlesen | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Hier finden Sie eine der letzen Predigten, die in unseren Gottesdiensten gehalten wurde. Diese Rubrik wird gelegentlich aktualisiert. Bitte beachten Sie beim Lesen, dass eine Predigt eine Spreche" und keine Schreibe" ist. Eine im Gottesdienst gehörte Predigt kann ihre Wirkung ganz anders entfalten als eine am Bildschirm gelesene Predigt. Ihre Meinungen, Kommentare usw. sind für den Prediger wichtig! Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen! | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Predigt von Thoralf Spiess zum Reformationstag 2011 Matthäus 10,27-33 Jesus sagt zu seinen Jüngern: Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann. Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters.Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.
Liebe Gemeinde, mit dem Reformationstag heute erinnern wir uns an Ereignis, das bald 500 Jahre Vergangenheit ist: Luthers Thesenanschlag in Wittenberg vom 31. Oktober 1517. Das ist sicher ein symbolisches Datum: Luther war ja nicht erst am 31.10. morgens beim Frühstück auf seine neuen Gedanken gekommen. Das Kirche nicht gut läuft, dass sich etwas ändern muss, dass haben viele in dieser Zeit gespürt und gewollt, eben auch Huldrich Zwingli und andere Schweizer Christen, auf die nun wieder unsere Reformationsgeschichte zurückgeht. Und nun nennt man das Ganze schon beinahe 500 Jahre lang „reformierte Kirche“ – und wir uns selbst hier in Chemnitz seit 1929 „reformierte Gemeinde“. Wenn man diese Selbstbezeichnung aber genauer durchdenkt, ergeben sich zwangsläufig Fragen, und zwar umso mehr, je weiter wir uns zeitlich von dem Urdatum dieser Reformation im 16. Jahrhundert entfernen. „Reformierte Gemeinde“ – das Wort „reformiert“ ist grammatisch gesehen ein Partizip II - also passiv und Vergangenheit. Nämlich „die reformiert worden seiende Gemeinde“. Das ist interessant: Grammatisch gesehen ist das richtig, aber ist es auch dem Sinn nach heute noch eine legitime Bezeichnung für uns? Sagt dieses Partizip II wirklich etwas über die reformierte Kirche von heute aus? Das wirft Fragen auf! Man könnte diese Bezeichnung nämlich genauso absurd finden, wie eine Strasse, die man gerade gefegt hat, dauerhaft in „Gefegte Strasse“ umzubenennen. Oder ein gerade gebügeltes Hemd dauernd so zu bezeichnen. Denn die Strassen dieser Welt sind die meiste Zeit ungefegt, und wie schnell ein gebügeltes Hemd gebügelt wieder knittert, wissen wir alle. Wie steht es also um unsere „reformierte worden seiende“ Gemeinde – Ist sie das überhaupt noch: reformiert? Oder müsste sie mal wieder? Die Reformation vor 500 Jahren war Renovierungsprozess. Der Versuch, die Kirche wieder auf ihre innersten Werte und Pflichten zu eichen, nämlich: Gottes Wort zu bewahren und weiterzugeben. Zeuge der Gebote, aber auch der Gnade Gottes zu sein. Sind wir heute noch darauf geeicht? In unserem Predigttext sagt Jesus zu seinen Jüngern: Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Leisten wir das? Trauen wir uns das? Schaffen wir das heute noch: Botschafter der Gebote und der Gnade Gottes zu sein? Liebe Gemeinde, das ganze 10. Kapitel im Matthäusevangelium ist davon geprägt, dass Jesus seinen Jüngern klar macht, worin ihre Aufgabe / die Aufgabe der Kirche besteht, die Überschrift des Predigttextes lautet denn auch: Aufforderung zu furchtlosem Bekenntnis. Das ist der Job der Kirche. Angst kann einem schon werden, wenn man sich die Grösse dieser Aufgabe klar macht und auch die zu befürchtenden Widerstände. Jesus spricht das aber auch offen an: Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe, sagt er, und nehmt euch in Acht vor den Menschen, denn sie werden euch vor die Gerichte bringen, euch ausliefern, in den Tod schicken ... Jesus sagt aber auch, und zwar mehrfach: Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht vor denen, die vielleicht den Leib töten, die Seele aber nicht töten können. Jesus sagt uns damit: Gott steht über alle dem. Die Haare auf unserem Haupt sind gezählt – Das heisst: Gott kennt uns genau, er hat uns im Blick, er achtet auf uns.Er fordert von uns nicht, was wir nicht leisten könnten! Er braucht uns, aber wir dürfen auch auf ihn zählen! Und das stimmt ja auch: Unser Weg als reformierte Kirche, als reformierte Gemeinde, war auch nicht immer leicht und eben,sondern mit zahlreichen Hindernissen gespickt, so wie Jesus es seinen Jüngern vorausgesagt hatte. Wenn wir an die Geschichte der Hugenotten denken, wie sie hier nach Deutschland und auch nach Sachsen kamen, wie sie sich mutig behauptet und Gemeinden gegründet haben, die bis heute bestehen und versuchen, ihren Dienst zu tun, dann kommen wir nicht umhin, festzustellen, dass Jesus wusste, wovon er sprach: Von der Gefährdung um des Glaubens willen, aber gleichzeitig auch von der Bewahrung durch den Glauben. Und selbst unsere kurze Gemeindegeschichte hier in Chemnitz kann uns als ein solches Beispiel dienen. LG, an Fassade eine mächtigen Stadtkirche grosses Plakat: Zeig draussen, was du drinnen glaubst! Das hat mich angesprochen, das hat was. Zeig draussen, was du drinnen glaubst! – Das klingt so überzeugend und zeitgemäss, dass ich glaube, dieses Wort kann viele Christen ansprechen. Dieser Slogan bedeutet eigentlich gar nichts anderes, als das, was Jesus gemeint hat, als er sagte: Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Immer wieder die gleiche Aufforderung zum Bekenntnis, damals wie heute. Kirche scheint also immer in der Bekenntnis-Situation zu sein, es gehört zu ihrem Wesen untrennbar dazu! Und wo sie sich kein Bekenntnis mehr traut, hört sie wohl auf, Kirche in dem Sinne zu sein, wie sie von Gott gewollt ist. Das war vor knapp fünfhundert Jahren so und gilt auch heute! Deshalb kann sich auch die reformierte Kirche nur dann noch als reformierte Kirche bezeichnen, wenn sie stets wieder das Bekenntnis wagt. Und das gilt auch für uns als Gemeinde. Wir sind nur solange eine Gemeinde Gottes, solange wir immer wieder ein christliches Bekenntnis versuchen. Doch ich weiss: Wenn wir das ernstnehmen, stehen wir vor der nächsten Frage: Wie sieht ein solches Bekenntnis heute aus, in unserer Zeit, in unserem Land, in unserer Stadt? Luther hat sich gegen den Ablass gewandt, Zwingli gegen das Reislaufen, andere Reformatoren gegen unverständliche Abendmahlslehren. Das alles sind Themen, die uns heute weniger berühren. Nur wenige kommen zu uns Reformierten wegen unserer Auffassung vom Abendmahl. Welche Glaubenssätze können wir dagegen heute bekennen, die auch wirklich den Alltag treffen, der uns umgibt? Liebe Gemeinde, ich sehe das als ganz konkrete Fragestellung. Was würde ich sagen, wenn mich jemand fragt: Was hast Du mir als Christ heute zu sagen? Herausgekommen sind folgende drei Glaubenssätze, die ich persönlich sagen könnte. Der erste: Gott will, dass ich lebe! Ob ich braune Haut habe oder weisse, lange Haare oder kurze, ob ich Rollifahrer bin oder Marathonläufer, überarbeitet oder arbeitslos, jung oder alt, Mann oder Frau, Gott will, dass ich lebe! Ich bin überzeugt, wären immer Menschen für diese einfache Überzeugung eingetreten, dann könnte der Welt viel Leid erspart bleiben. Ich bin überzeugt, dass dieser Satz die Welt verändern kann. Mein zweiter Glaubenssatz: Gott will keine Angst machen. Glaube darf nicht Angst machen. Denn wo immer bisher im Namen Gottes und des Glaubens gedroht wurde und Angst verbreitet wurde, blieb die Menschlichkeit regelmässig auf der Strecke. Angst haben ist Ohnmacht. Und Angst machen, ist Macht ausüben, herrschen. Beides mit Glauben nicht vereinbar, leider aber gängige Methode. Ich habe manchmal erlebt, dass Menschen mit Leidensgeschichten zu mir kamen und dann nach einem intensiven Seelsorgegespräch gesagt haben: Sie sind der erste Pfarrer, der mich nicht verurteilt hat. Seitdem ist das für mich ein wichtiges Kriterium, wenn ich anderen Christen begegne: Wie glauben sie? Klagen sie an? Suchen sie die Herrschaft? Oder können sie sich der Besserwisserei und Machtausübung enthalten, wenn schwache Menschen zu ihnen kommen? Ich bin überzeugt: Gott will keine Angst machen. Glaube darf nicht Angst machen. Nur dort, wo so geglaubt wird, ist Hilfe möglich. Mein dritter Glaubenssatz: Ich bin Gottes Geschöpf. Der Mensch ist vielleicht das agilste und cleverste Geschöpf auf Erden, das mit dem grössten Handlungsspielraum – aber eben doch nichts anderes als ein Geschöpf, und damit in der gleichen Stellung vor Gott wie jedes andere Geschöpf. Deshalb müssen wir die Lebensrechte aller Geschöpfe beachten. Wir übersehen das leicht, und vor allen Dingen denken wir oft nur kurzfristig. Wir verändern Umwelten und verbrauchen Ressourcen in einer unglaublichen Geschwindigkeit – der die Natur kaum etwas entgegensetzen kann. Aber die Natur, die anderen Geschöpfe, reagieren trotzdem. Langsamer zwar, aber dafür in Grössenordnungen, die wir Menschen nicht beherrschen, trotz aller Cleverness. Ich glaube, das wir in dieser Angelegenheit schon in absehbarer Zeit einen dicken Denkzettel verpasst bekommen. Und ich bin überzeugt, dass dieser Glaubenssatz uns gleichzeitig mit vielen Menschen auf der ganzen Welt verbinden kann. Liebe Gemeinde, das waren also drei Glaubenssätze, die mich wirklich bewegen, jenseits von Jungfrauengeburten, Trinitäts- und Abendmahlslehren. Glaubenssätze, von denen ich meine, dass man sie heute draussen mitteilen kann, ohne als einfältiger, realitätsfremder Schwärmer dazustehen. Und auch muss! Freilich sind es auch Glaubenssätze, mit denen man in Widerspruch geraten kann. Aber gerade der Widerspruch würde uns zeigen, dass diese Glaubenssätze aktuell sind und keine theologischen Haarspaltereien. Zeig draussen, was du drinnen glaubst. Oder mit Jesu Worten gesagt: Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Und fürchtet euch nicht!Denn wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Amen
|
| |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||